Zwei Biografien, ein Sound
Man kann elektronische Musik über Genres erklären. Über BPM-Zahlen, Stilrichtungen, Szenen. Oder man schaut genauer hin und erkennt, dass sie oft von Menschen geprägt wird, deren Wege unterschiedlicher kaum sein könnten. POTZDAMN lebt genau von diesem Spannungsfeld. Vom produktiven Zusammenstoß zweier musikalischer Biografien, die sich nicht gesucht, aber gefunden haben. DJ bmp und electropapa.
DJ bmp, Jahrgang 1970, konzerterfahren. Rock-geprägt, groß geworden mit Gitarren, Bühnenpräsenz und der Idee, dass Musik etwas erzählen muss. Die Faszination für Bruce Springsteen ist kein Zufall. Es geht um Energie, um Haltung, um das Gefühl, dass ein Song mehr ist als nur ein funktionierender Rhythmus. Diese Prägung zieht sich bis heute durch seine Sets, auch wenn dort längst keine Gitarren mehr dominieren.
Seine lange Zeit als Resident-DJ im Laguna hat ihn musikalisch geschult wie kaum etwas anderes. Wer über Jahre einen Clubabend trägt, lernt Anpassung, Dramaturgie und Timing. Man lernt, Stimmungen zu lesen und Übergänge zu bauen, ohne sie zu erklären. DJ bmp kann deshalb nahezu jeden Stil bedienen, ohne beliebig zu werden. Besonders deutlich zeigt sich das in seinen aktuellen Afrobeat-Remixen. Dort verbindet er rhythmische Komplexität mit einem offenen, tanzbaren Zugriff. Warm, modern, körperlich. Musik, die bewegt, ohne sich aufzudrängen.
electropapa, Baujahr 1974, kommt aus einer anderen Richtung. Seine musikalische Sozialisation liegt tief in den Neunzigern, in jener Zeit, in der Techno mehr war als Stil. Es war ein Versprechen. Maschinen, Wiederholung, Fortschritt. Kraftwerk und Depeche Mode bilden den emotionalen Untergrund, Synthwave und Electro die logische Fortsetzung. Hier geht es weniger um Erzählung, mehr um Struktur. Um das Zusammenspiel von Sequenz, Druck und Spannung.
Während der Eurodance-Welle war electropapa unter dem Namen DJ !spoofer regelmäßig in norddeutschen Großraumdiskotheken unterwegs. Eine Phase, die oft belächelt wird, aber handwerklich prägend war. Wer dort auflegt, lernt Wirkung. Direktheit. Keine langen Umwege. Der Beat muss greifen, sofort. Diese Erfahrung hört man bis heute in seinen Sets. Knallharte, treibende Electro-Beats, klar gebaut, ohne unnötige Verzierungen. Musik, die nicht fragt, sondern fordert.
Was POTZDAMN daraus macht, ist mehr als die Summe dieser Einflüsse. DJ bmp bringt Offenheit, Musikalität und Genre-Elastizität. electropapa liefert Fokus, Druck und elektronische Konsequenz. Zusammen entsteht ein Sound, der sich nicht festlegen lässt, aber sofort erkennbar ist. Mal warm, mal kalt. Mal groove-orientiert, mal maschinell. Immer getragen von Erfahrung.
Der typische POTZDAMN-Sound ist kein Konzept auf Papier. Er ist das Ergebnis von Jahrzehnten auf Tanzflächen, hinter Pulten, in Nächten, die nicht dokumentiert wurden. Er lebt von Kontrasten und vom gegenseitigen Respekt zweier DJs, die wissen, woher sie kommen, und genau deshalb wissen, wohin sie wollen.
In einer Zeit, in der vieles glattgezogen wirkt, ist das vielleicht die eigentliche Stärke von POTZDAMN. Zwei Persönlichkeiten, zwei Geschichten, ein gemeinsamer Raum. Und eine Tanzfläche, auf der genau das spürbar wird.
